Kieler Förde und die deutsche Ostsee: ein Streifzug
Die Kieler Förde schneidet zehn Seemeilen von der Ostsee bis ins Herz Kiels, und an einem Julinachmittag trägt sie mehr Segel als jedes andere offene Wasser Deutschlands. Dies ist die südwestliche Ecke der Ostsee, wo sich die schleswig-holsteinische Küste in Förden und Buchten faltet, wo die meistbefahrene künstliche Wasserstraße der Welt durch die Schleusen in Holtenau mündet, und wo ein kurzer Schlag nach Norden in jenen dänischen Inselgürtel führt, den deutsche Segler die Dänische Südsee nennen. Es ist ein Revier kurzer Schläge, geschützten Wassers, ernster Segelgeschichte und gemütlicher Hafenkneipen, alles in Wochenendreichweite von Hamburg. Wenige Orte packen so viel Vielfalt in ein so kleines Seedreieck.
Eine Förde wie geschaffen zum Segeln
Die Förde selbst ist der naheliegende Ausgangspunkt. Sie verläuft vom Leuchtturm bei Bülk und den Landzungen von Laboe und Schilksee bis in die Innenstadt, dabei stetig schmaler werdend, mit dem Marine-Ehrenmal von Laboe, das 72 Meter über dem Ostufer aufragt — ein unverkennbares Seezeichen. Die Förde ist tief, gut betonnt und nahezu gezeitenfrei, denn die Ostsee steigt und fällt mit dem Wind, nicht mit dem Mond, sodass das Wasser auch dann nachsichtig ist, wenn die Brise es nicht ist. Die olympische Segelregatta kehrte 1972 hierher zurück, ausgetragen vom eigens gebauten Olympiahafen in Schilksee, und das Erbe ist eine Uferlinie voller Vereine, Slipanlagen und Regattabahnen. Bei frischem Westwind kann der Düseneffekt der Höhenzüge eine stete Windstärke fünf durch die Mitte schicken, während die Ufer ruhig bleiben — eine Eigenheit, die die Förde zum berühmten Trainingsrevier macht.
Kieler Woche: das größte Segelfest der Welt
Jeden Juni übergibt sich die Stadt der Kieler Woche, dem größten Segelereignis der Erde und einem der größten Sommerfeste Europas. Neun Tage lang drängen sich rund dreieinhalb Millionen Besucher auf der Kiellinie, während mehrere tausend Boote draußen Regatta segeln — von olympischen Jollenklassen über die große gaffelgetakelte Traditionsflotte bis zu Hochseerennern. Die Windjammerparade, wenn Großsegler und klassische Yachten in einer Linie die Förde hinabziehen, lockt Zuschauer zu Hunderttausenden an die Ufer. Für einen Gastsegler ist die Woche elektrisierend, aber unbarmherzig bei den Liegeplätzen: die Häfen von Düsternbrook bis Strande sind Monate im Voraus voll, und die Hafenaufsicht hält das Fahrwasser diszipliniert. Wer die Parade erleben will, bucht früh oder ankert vor und setzt mit dem Beiboot über.
Durch Holtenau: die Abkürzung im Nord-Ostsee-Kanal
Am Kopf der Förde liegt die Ostzufahrt des Nord-Ostsee-Kanals, nach Schiffszahlen die meistbefahrene künstliche Wasserstraße der Welt. Die Schleusen in Holtenau heben kleine Fahrzeuge in einen 98 Kilometer langen Stich, der westwärts nach Brunsbüttel an der Elbe führt und einer Yacht den langen, ungeschützten Törn von 250 Seemeilen um Skagen und die Spitze Jütlands erspart. Yachten schleusen gruppenweise mit dem Berufsverkehr, warten an den Wartepontons auf das grüne Licht und motoren den Kanal an einem langen Tag, mit Übernachtung in Rendsburg oder am Gieselaukanal. Die Geschwindigkeit ist begrenzt, Segeln ist verboten, und die großen Schiffe haben stets Vorfahrt — doch die Ersparnis an Zeit und Wetterrisiko ist der Grund, warum der Kanal mehr Schiffe trägt als Panama und Suez zusammen.
Die Dänische Südsee, einen Schlag weiter nördlich
Segelt man nordwärts aus der Förde hinaus, erreicht man binnen weniger Stunden die Dänische Südsee, das geschützte Geflecht von Inseln und Sunden zwischen Fünen und der jütländischen Küste. Dies ist eines der sanftesten Reviere Nordeuropas: kurze Distanzen zwischen den Häfen, mäßige Tiefen und eine Kette von Postkartenhäfen wie Sønderborg mit seinem Schloss, dem Fachwerkstädtchen Ærøskøbing auf Ærø und dem Segelknotenpunkt Svendborg. Das Seefahrtsmuseum von Marstal, die Räuchereien von Ærø und die Kopfsteinpflastergassen von Faaborg geben dem Törn ein kulturelles Rückgrat, während die Gewässer des Lillebælt und des Svendborgsund bei fast jedem Wetter glatt bleiben. Deutsche und dänische Segler mischen sich hier frei, und der Schlag von Kiel zum ersten dänischen Hafen Sønderborg misst kaum dreißig Meilen.
Fehmarn, die Bucht und die Ostküste
Östlich von Kiel öffnet sich die Küste zur Kieler Bucht und zur weiten Lübecker Bucht, mit der Insel Fehmarn als seewärtigem Anker. Fehmarns Häfen in Burgtiefe und Orth sind beliebt für ihren verlässlichen Wind und die Kitesurfszene am flachen Burger Binnensee, während Brücke und der künftige Fehmarnbelt-Tunnel die Insel mit dem Festland verbinden. Südlich liegen die Hansestädte: Travemünde an der Mündung der Trave, mit seinen Passagierkais und der als Museumsschiff bewahrten Viermastbark Passat, und dahinter die mittelalterliche Backsteinsilhouette Lübecks flussaufwärts. Dazwischen liegen die Seebadhäfen Heiligenhafen, Grömitz und Neustadt, jeder einen leichten Tagesschlag entfernt, jeder mit Marina, Strand und Fischbude am Kai.
Wetter, Jahreszeiten und der Rhythmus eines Ostseesommers
Die deutsche Ostsee segelt von Mai bis September, mit den langen, hellen Abenden des Juni und Juli als Preis und den warmen, beständigen Phasen des August oft als verlässlichster Zeit. Vorherrschend sind westliche Winde, häufig frisch, und das Fehlen nennenswerter Gezeiten bedeutet, dass Schläge nach Wind und Tageslicht geplant werden, nicht nach Strömen. Böen und Gewitter bauen sich an heißen Nachmittagen über Land auf und können mit wenig Vorwarnung über die Buchten rollen, weshalb ein Blick zum Himmel und ein griffbereites Reff klug sind. Der Herbst bringt kräftigere Tiefs und die ersten Stürme im Oktober, wenn die meisten Yachten an Land gehen. Die Hafengebühren sind moderat, die Marinas gut ausgestattet, und das System aus Box und Dalben belohnt jenes langsame Manövrieren, das die Region jedem Gast still beibringt.
Proviant, Kultur und die Seite an Land
Ein Törn hier handelt ebenso von den Häfen wie vom Segeln. Kiel selbst bietet komplette Ausrüster, Werften und das Schifffahrtsmuseum am Sartorikai, während Laboes U-Boot U 995, neben dem Ehrenmal an Land gezogen, eines der wenigen begehbaren Boote vom Typ VII ist. Räucherfisch, Lübecker Marzipan, Flensburger Rum und Holsten-Bier ziehen eine kulinarische Linie entlang der Küste, und fast jeder Hafen hat eine Hafenkneipe, in der Crews Wetternotizen tauschen. Deutsche Gründlichkeit zeigt sich in makellosen Sanitärblocks und klarer Beschilderung; ostseeische Lässigkeit zeigt sich in der Bereitschaft der Nachbarn, die Leinen anzunehmen. Es ist ein nachsichtiger Ort zum Lernen und ein reicher zum Wiederkommen, mit genug Häfen im Umkreis von fünfzig Meilen, um zwei Wochen ohne Wiederholung zu füllen.
Auf der Karte
Die deutsche Ostsee belohnt den Segler, der die Schläge im Voraus plant, denn die Freude liegt hier im Verbinden kurzer, malerischer Etappen zwischen markanten Häfen statt im Abspulen langer Meilen. Stöbern Sie auf unserer interaktiven Karte, um eine Route von Kiel hinaus nach Fehmarn, nordwärts in die Dänische Südsee oder westwärts durch den Kanal zur Elbe zu ziehen. Öffnen Sie Deutschland auf der Karte und stecken Sie das Dreieck aus Förde, Bucht und Insel ab, das diese Ecke der Ostsee so beliebt macht.